

Krebs ist in der großen Mehrzahl der Erkrankungen nicht in die
Wiege gelegtes Schicksal, sondern eine im Laufe des Lebens
erworbene Krankheit. Die meisten bösartigen Tumoren – nach
sorgfältigen Berechnungen zwischen 70 und 90 % - sind auf die
Wirkung äußerer Umweltfaktoren zurückzuführen.
Diese Erkenntnis entstammt dem Forschungsbereich der ursächlichen und analytischen Epidemiologie. Schon 1963 stellte eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation fest: „Die Typen von Krebs, die auf diese Art direkt oder indirekt durch exogene Faktoren beeinflusst werden, umfassen zahlreiche Tumoren der Haut und des Mundes, der Atmungsorgane, des Magen-, Darm- und Harntraktes, solche der hormonabhängigen Organe (Brust, Schilddrüse und Gebärmutter) und des hämato- und lymphopoetischen Systems. Insgesamt machen diese mehr als ¾ der menschlichen Krebs krankheiten aus. Es scheint daher, dass die Mehrzahl der menschlichen bösartigen Tumorkrankheiten potentiell verhütbar ist“.
Der Vergleich der maximalen und minimalen Inzidenz für eine gegebene Lokalisation in unterschiedlichen Regionen und Bevölkerungen ergibt überzeugende Daten. So trägt etwa ein männlicher Japaner ein fast fünfundzwanzigmal größeres Risiko einen Magen krebs zu bekommen, als ein gleichaltriger Ugander. Ein männlicher Einwohner des Nordiran hat ein dreihundertmal größeres Risiko einen Krebs der Speiseröhre zu entwickeln, als ein Nigerianer. Eine Kolumbianerin hat ein fünfzehnmal größeres Risiko, an einem Gebärmutterhals krebs zu erkranken, als eine in Israel geborene jüdische Frau.
Tauschen sich Bevölkerungen durch Wanderungen aus, so verlieren sie das Risiko der Krebs - erkrankung ihres Heimatlandes und erwerben dasjenige Krebs - Risiko der neuen Heimat. Japaner, die nach den USA auswandern, werden, was die Krebs belastung betrifft, Nordamerikaner. Die Häufigkeit für Magen krebs ist in Japan die höchste aller Staaten. Die Hälfte aller malignen Erkrankungen sind Karzinome des Magens. Das ist nicht Schicksal des genetischen Japaners, sondern das Risiko der Menschen, die mit japanischer Lebensweise in dieser Region leben.
Das Risiko, an Krebs zu erkranken, ist von spezifischen Lebensweisen und von der Umwelt abhängig und durch deren Veränderungen modifizierbar. Wichtig sind hierbei folgende Faktoren:
Eine effiziente Krebs verhütung, die erkennbar eine Halbierung des Krebs risikos zur Folge hätte, muss sich naturgemäß mit allen variablen Komponenten dieses Systems auseinandersetzen. Forschungsuntersuchungen, die schon sehr frühzeitig in Japan durchgeführt wurden, haben die ungünstige Wirkung von tierischem Fett und zu hohen Anteilen an tierischem Eiweiß offenbart. Japaner, die regelmäßig rauchen, trinken und täglich Fleisch und selten grüne Gemüse essen, haben ein Krebs - Risiko von 56 %. Japaner, die nicht rauchen, nicht trinken, nicht täglich Fleisch und dafür Gemüse zu sich nehmen, haben ein Krebs - Risiko von 23 %. Bei der ersten Gruppe führt schon der tägliche Genuss von Gemüse zum Abfall der Gefährdung auf 38 %.
Es ist sicher und allgemein bekannt, dass Rauchen abhängig von qualitativen und quantitativen Größen eine wesentliche Erhöhung des Krebs risikos darstellt. Der starke Raucher ist zwanzigmal mehr gefährdet, als der Nichtraucher, Krebs des Kehlkopfes, der Bronchien und der Lunge zu bekommen. Weniger bekannt ist, dass auch Lippen-, Zungen- Rachen-, Magen- und Harnblasen krebs durch das Rauchen gefördert werden. Auch die Empfänglichkeit für bösartige Erkrankungen wird allgemein gesteigert. Es entsteht somit eine ebenfalls systemische Promotionswirkung.
In den USA gibt es Glaubensgemeinschaften, die geographisch zusammengeschlossen leben, so dass eine meist weit reichende Eigenständigkeit mit bestimmter Lebenshaltung in der Bevölkerung erzielt wird. Die zwei Millionen umfassende Gemeinschaft der 7-Tage-Adventisten (SDA) in Kalifornien hat nach allem, was man in der Literatur erfährt, nur etwa die halbe Krebs gefährdung der sie umgebenden kalifornischen Bevölkerung. Dieses Ergebnis wird auf die Lebenshaltung dieser Population zurückgeführt. Laut Literaturanalysen verwenden sie kaum Genussmittel, leben aus der eigenen Scholle von einer vorwiegend vegetabilischen fleischarmen Ernährung. Die SDA in diesem Bereich haben etwas mehr bösartige Veränderungen des Zentralnervensystems als die sie umgebenden Kalifornier Die Rate an umweltabhängigen Krebs formen, z. B. der Atmungsorgane, ist jedoch stark gesenkt.
Auch die Mormonen, in Nevada und Utah angesiedelt und bis auf den Fleischgenuss den SDA ähnlich lebend, zeichnen sich im Vergleich zu der sie umgebenden Bevölkerung durch einen sehr viel geringeren Befall an Karzinomen der meisten Lokalisationen aus.
Eine wirksame primäre Krebs verhütung, d. h. die Senkung der Erkrankungszahl und damit der Krebs todesfälle erfordert somit aktive Maßnahmen vom Einzelnen und von der Bevölkerung, sprich auch der Gesellschaft, z. B. eine aktive Änderung der Lebensweise, der Essgewohnheiten und des Genussmittelkonsums. Soweit möglich, sollte auch eine Beeinflussung der Umwelt, Besserung der Lebensumstände sowie der Arbeitssituation angestrebt werden. In den Vereinigten Staaten von Amerika laufen groß angelegte prospektive Studien diesbezüglich und die ersten Resultate lassen Optimismus aufkommen.
In der deutschen Krebs forschung ist diese Conditio sine quanon von aktiver Prävention in den letzten Jahren zunehmend erkannt worden. An rationalen Gründen für Verhütungsaktivitäten fehlt es nicht. Viele Sachkenner sehen darin den aussichtsreichsten Zukunftsweg, um die Senkung von Krebs erkrankungen zu realisieren. So wurden auch auf dem 26. Deutschen Krebs kongress, der vom 27. Februar bis zum 1. März diesen Jahres stattfand, vom Veranstalter deutliche Signale ausgesandt. Der Aufruf zu mehr Verantwortung wurde an Betroffene und Gesunde, Ärzte und Pflegeteams, aber auch an die Gesundheitspolitik, Krankenkassen, Rentenversicherer und andere Kostenträger gerichtet. Dieser Appell erhielt auch dadurch Gewicht, dass in hochrangig besetzten Symposien der Prävention von Krebs erkrankungen eine breite Diskussion eingeräumt wurde. So referierten Experten z. B. über Tabakkontrollpolitik, Tabakprävention in Schulen und Medien sowie Raucherentwöhnung.
Die Einsicht in die genannten Notwendigkeiten wird nicht leicht zu realisieren sein. Jeder Einzelne ist aufgefordert, sich aktiv für eine gesunde Lebens- und Arbeitsweise in dem Bereich einzusetzen, wo er persönliche Verantwortung trägt.
MR Dr. med. Volker von Paris
Telefon 036259 53-0
Fax 036259 53-213
E-Mail info@inselsberg-klinik.de

Chefarzt Dr. med. Achim Richter
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Aktualisiert am 26.08.2010